{"id":44,"date":"2019-07-25T19:48:30","date_gmt":"2019-07-25T17:48:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.motorradkultur.ch\/?p=44"},"modified":"2019-07-25T19:53:54","modified_gmt":"2019-07-25T17:53:54","slug":"unsere-nachbarn-motorisieren-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.motorradkultur.ch\/index.php\/2019\/07\/25\/unsere-nachbarn-motorisieren-sich\/","title":{"rendered":"Unsere Nachbarn motorisieren sich"},"content":{"rendered":"\n<p>Meine Kindheit verbrachte ich in den 40er und 50er Jahren in einem hufeisenf\u00f6rmigen Genossenschaftswohnblock im Z\u00fcrcher Stadtkreis 4, der an die Anwand-, Schreiner- und Kanzleistrasse angrenzt. Meine fr\u00fchsten Erinnerungen reichen zur\u00fcck bis ins Jahr 1947 als mein Grossvater starb. An der Schreinerstrasse parkierte damals nur ein einziger PW. Der Opel Kadett des Gipsermeisters Germann. Der Gipsermeister avancierte aber bald zu einem gr\u00fcnen Kaiser Frazer. Damals wie heute eine Rarit\u00e4t. Dem Kaiser Frazer folgte ein amerikanischer Ford Buckel und danach ein Chevi BelAir. Die \u00c4ra des Chevi reichte bis die Mitte der 60er Jahre als ich bereits meine erste Honda fuhr. Eines Sonntagnachmittags k\u00e4mpfte ich mit meinem 250 Kubik T\u00f6ff&nbsp; eine Kolonne nieder, die sich gem\u00e4chlich in Richtung Stein am Rhein bewegte. An der Spitze fand ich Germann mit Hut und Stumpen in seinem Chevi. Souver\u00e4n und gelassen f\u00fchrte er die Kolonne an. Seine Autos waren f\u00fcr ihn Arbeitstier und Mittel zur sonnt\u00e4glichen Auffahrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Hausbewohner, der sich schon fr\u00fch motorisierte, war der Zimmerherr von Frau Billeter im obersten Stock. Er leistete sich eine Zweitakt Jawa, die verschwand als er seine Vermieterin heiratete. F\u00fcr mich als Kind v\u00f6llig \u00fcberraschend, wurde ich pl\u00f6tzlich angehalten Frau Billeter mit Frau Cattaneo zu begr\u00fcssen. Die Heirat brachte der ungl\u00fccklichen Frau kein Gl\u00fcck. Davon wurden wir in sp\u00e4teren Jahren beredte Zeugen, hatten sie doch die Wohnung direkt \u00fcber uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Held war der Junggeselle von nebenan. Herr Messmer war der stolze Besitzer einer 500er BMW. Des Alleinseins m\u00fcde, heiratete er in leicht vorgeschrittenem Alter doch noch. Wieso er die sch\u00f6ne BMW einem Z\u00fcndapp Bella Roller opferte, konnte ich nie verstehen. Die Z\u00fcndapp blieb Hobby wie seinerzeit die BMW. Davon zeugten die sonnt\u00e4glichen Ausfl\u00fcge die Messmer mit seiner Angetrauten h\u00e4ufig unternahm. Zur Arbeit in die Z\u00fcrcher Innenstadt bediente sich der Maschinensetzer eines gew\u00f6hnlichen Velos. Kam er mittags und abends von der Arbeit, fuhr er in den Hof, l\u00e4utete zweimal die Veloglocke und schaute hinauf zum 3. Stock, wo sich seine Frau kurz am K\u00fcchenfenster zeigte. Somit war die Welt in Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Schuhmacher Junghans, ein grosser hagerer Mann, mit Werkstatt an der Anwandstrasse fuhr ein Gespann, genau so wie B\u00e4cker Schweizer im n\u00e4chsten Block. An Regentagen erlaubte uns Junghans den Aufenthalt in seiner Werkstatt. Schon als Primarsch\u00fcler wussten wir genau wie das Tagewerk von Automechaniker, Maler, Polsterer Schreiner und Motorradmechaniker aussah. Ihre Werkst\u00e4tten waren stets offen und man arbeitete die halbe Zeit auf dem Trottoir oder am Strassenrand.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Junghans bewegte sein Gespann per Britischer Ariel w\u00e4hrend sich B\u00e4cker Schweizer auf eine US Indian verliess, um seine Brote auszutragen. Mit Schweizer hatten wir keinen Kontakt. Unser B\u00e4cker hiess Ledermann und befand sich an der Rolandstrasse, unweit der bekannten Langstrasse. Herr Ledermann verteilte seine Brote per Velo mit einer riesigen Chr\u00e4tze auf dem R\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Maurer M\u00fcller von der Kanzleistrasse war ein weiterer Genossenschafter und Motorpionier. Ein untersetzter vierschr\u00f6tiger Mann mit weniger Haaren auf dem Kopf als ich heute noch habe. Als motorisiertem Untersatz diente ihm eine kleine Drehbank, sprich BMW R 25. Diese 250 Kubik BMW diente fast ausschliesslich sonnt\u00e4glichen Ausfahrten des Ehepaars M\u00fcller. Frau M\u00fcller, lang und d\u00fcrr, thronte auf dem Sozius mit einem grossen Blumenstrauss im Arm, wenn die beiden jeweils mit verbrannten Gesichtern von einem hochsommerlichen Ausflug heimkehrten.<\/p>\n\n\n\n<p>Kleine Anekdote zu Maurer M\u00fcller: Als ein M\u00e4dchen seinen Fuss in einem Bock zum Teppichklopfen einklemmte, erschien M\u00fcller kurzentschlossen mit F\u00e4ustel und Spitzmeissel, um den besagten Fuss zu befreien. Anderntags reparierte er die besch\u00e4digte Stelle mit Zement. Die Stelle mit dem neuen Zement erinnerte uns noch jahrelang an Mariannes Missgeschick.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitte der 50er Jahre zog die Motorisierung bei uns ein. Vater leistete sich seine erste Lambretta. Dies auf anraten seines \u00e4lteren Bruders, der bereits seit einigen Jahren Lambretta fuhr. Er warnte eindringlich vor der einseitigen Gewichtsverteilung der Vespa, deren Motor nicht mittig eingebaut war. Die f\u00fchrte zu einseitigem Hinterradverschleiss, wie ich etwas sp\u00e4ter bei Herrn Ross\u00e9s Vespa selbst feststellen konnte. Es gab ein paar wenige gemeinsame Ausfahrten mit meinem Onkel und Herrn Ross\u00e9. Bei einer dieser Ausfahrten musste ich meinen Vater anschieben. Als das Ding ansprang, gab er Gas und d\u00fcste davon, ehe ich noch aufspringen konnte. Herr Ross\u00e9, der das Man\u00f6ver abgewartet hatte, nahm mich auf den Sozius. Mein Vater traute seinen Augen nicht, als er mich etliche Kilometer sp\u00e4ter auf der Vespa bemerkte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie \u00fcblich zu jener Zeit, trugen wir bei diesen Ausfl\u00fcgen weder Helme noch andere Schutzbekleidung. Im Verkauf waren wohl blecherne Helme und Kunstlederm\u00e4ntel, doch man sch\u00e4mte und scheute sich damit aufzufallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Vorbild als Kind war weder James Dean noch Elvis, sondern Donat, der im selben Haus wohnte und drei Jahre \u00e4lter war. Als Sch\u00fcler besass er ein Luftgewehr und sp\u00e4ter als Lehrling ein Velo mit Cyclemaster Hilfsmotor. Der Cyclemaster war eine geniale britische Konstruktion. Der ganze Motor samt Benzintank befand sich im Hinterrad. Der Motorisierungsboom setzte ein, unhaltbar. Andere Genossenschafter beschafften sich Mosquito Hilfsmotoren, NSU Quicklys, oder gar ein Kreidler Florett oder ein rennm\u00e4ssig getrimmtes 50 ccm Alpino Moped.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Unbekannter an der Engelstrasse bewegte nun eine \u201eschwere\u201c 500er Sunbeam S8. Auch dieser Unbekannte trug nie einen Helm. Seine ganze \u201eT\u00f6ffausr\u00fcstung\u201c bestand aus einem grau-blauen Regenmantel. Die Sunbeam setzte er jeweils mit einem einzigen Kick in Betrieb, wischte den Regenmantel unter seinen Hintern und rauschte erhobenen Hauptes davon. Ich hatte mich oft gewundert, wohin die Reise ging.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch ein paar Worte zu den freundnachbarlichen Betrieben. Dies war an der Engelstrasse die General Motors Garage Hans Fischer samt Tankstelle mit den Mechanikern Keusch und Fretz. Herr Keusch befand sich damals im besten Alter und hatte viel Verst\u00e4ndnis f\u00fcr uns Bengel. Herr Fretz, vielleicht um die sechzig, war eher abweisend und barsch. Hauptsache wir konnten die Mechs an der Arbeit beobachten und kamen all die Ami Autos zu Gesicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum andern war dies der T\u00f6ffladen von Peppi Pozzi an der Schreinerstrasse. Auch hier werkten die Mechs, Peppi und Mario, oft auf dem Trottoir oder am Strassenrand. In dieser Umgebung von Gilera, AJS, Matchless, Triumph und Norton muss ich mich mit dem T\u00f6ffvirus infisziert haben. Als Mario, angeblich ein Cousin Peppis, den Betrieb verliess, kam Giuseppe Lucchinetti zu Peppi. 1980 mussten die Pozzis das Feld an der Schreinerstrasse r\u00e4umen. Eine goldene \u00c4ra von 35 Jahren ging zu Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Juli 2019, Robert Pfeffer<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"996\" height=\"623\" src=\"https:\/\/www.motorradkultur.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/pozzi_2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-45\" srcset=\"https:\/\/www.motorradkultur.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/pozzi_2.jpg 996w, https:\/\/www.motorradkultur.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/pozzi_2-300x188.jpg 300w, https:\/\/www.motorradkultur.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/pozzi_2-768x480.jpg 768w, https:\/\/www.motorradkultur.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/pozzi_2-153x96.jpg 153w\" sizes=\"auto, (max-width: 996px) 100vw, 996px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1001\" height=\"509\" src=\"https:\/\/www.motorradkultur.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/pozzi_4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-46\" srcset=\"https:\/\/www.motorradkultur.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/pozzi_4.jpg 1001w, https:\/\/www.motorradkultur.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/pozzi_4-300x153.jpg 300w, https:\/\/www.motorradkultur.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/pozzi_4-768x391.jpg 768w, https:\/\/www.motorradkultur.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/pozzi_4-189x96.jpg 189w\" sizes=\"auto, (max-width: 1001px) 100vw, 1001px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"993\" height=\"791\" src=\"https:\/\/www.motorradkultur.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/pozzi_1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-47\" srcset=\"https:\/\/www.motorradkultur.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/pozzi_1.jpg 993w, https:\/\/www.motorradkultur.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/pozzi_1-300x239.jpg 300w, https:\/\/www.motorradkultur.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/pozzi_1-768x612.jpg 768w, https:\/\/www.motorradkultur.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/pozzi_1-121x96.jpg 121w\" sizes=\"auto, (max-width: 993px) 100vw, 993px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Kindheit verbrachte ich in den 40er und 50er Jahren in einem hufeisenf\u00f6rmigen Genossenschaftswohnblock im Z\u00fcrcher Stadtkreis 4, der an die Anwand-, Schreiner- und Kanzleistrasse angrenzt. 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